Gestern Morgen klingelte es an der Tür, etwas früh vielleicht – aber ich hatte schon eine Jogginghose an und den ersten Kaffee getrunken. Die Postbotin bringt mir ein kleines Päckchen – ohne Absender. Was da wohl drinnen ist?

Vorsichtig mache ich es auf – heraus flattert eine Erinnerung, die leise sagt: „weißt du noch…?“

„Weißt du noch, was du letztes Jahr gedacht hast, als es hieß es ist besser sich nicht die Hand zu geben oder zu umarmen?“

„Erinnerst du dich daran, was du gefühlt hast, als die Schulen, die Kirchen und die Geschäfte zumachten?“

„Was war das Erste, was für dich ausgefallen ist? Welches Konzert, welche Feier, welcher Urlaub konnte nicht stattfinden?“

„Wievielmal hast du im letzten Jahr „eigentlich“ gesagt?“

„Wie einsam ist die Einsamkeit?“

„Was war deine kreativste oder beste Idee gegen den Corona Blues und den Lockdown Stillstand?“

So viele Erinnerungen an ein besonderes Jahr liegen auf einmal auf meinem Tisch herum. Ich wühle darin hin und her, nehme mal die eine, dann die andere in die Hand. Manchmal stielt sich ein Lächeln, manchmal Wehmut in mein Gesicht. Die Trauer über die Menschen, die einsam gestorben und betrauert wurden, spült in einer Welle durch die eigenen Erinnerungen.

Ich schaue weiter in das Päckchen – eine Kerze ist noch drin. „Zünde mich an“ sagt sie leise. „Zünde mich an als Zeichen der Hoffnung, zünde mich an, wie im letzten Jahr jeden Abend, wenn die Glocken läuteten, als Zeichen der Verbundenheit. Zünde mich an; in Erinnerung an die Verstobenen, zünde mich an, damit es heller wird.“ Ich höre genau hin und suche meine Streichhölzer – es ist nie zu früh und nie zu spät, um eine Kerze anzuzünden.

Eine Telefonnummer finde ich noch in dem Päckchen – soll ich einfach dort mal anrufen? Vielleicht freut sich jemand über ein Gespräch, oder braucht Hilfe beim Einkaufen?

Das Päckchen scheint leer zu sein – ich schüttle es, ein paar gold-glitzernde Konfetti taumeln zu Boden. Am Boden des Päckchens entdecke ich noch ein paar Worte:

Gott, Mut, unverzagt, Liebe…nur Bruchstücke, der Rest scheint im Laufe der Zeit verwischt zu sein. Ich schließe die Augen und ich erinnere mich, welcher Vers mich im letzten Jahr getragen hat:

Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Fast hätte ich ihn vergessen – dabei ist es so gut, sich zu erinnern.

ul